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Körperarbeit -
NICHT noch mehr
Selbstoptimierung!
Letztes Jahr war für mich ein Jahr, in welchem ich mich nochmals tiefer mit dem Körper, dem Geist und seinen Zusammenhängen beschäftigt hatte.
Einerseits in der Rolle als Raumhalterin im Yogastudio, Sozialpädagogin in der Klinik, in Auseinandersetzung damit, worin ich gut bin und was ich weitergeben möchte und in der Weiterbildung zur Thai-Yoga-Practitioner. Letztere Ausbildung war stark geprägt von Nervensystem-Arbeit, was mich stark faszinierte.
Zudem hatte ich die letzten drei Jahre selber eine Trauma-Körpertherapie mit der Methode Somatic Experiencing besucht und konnte damit tiefgreifende Veränderung und - dieses Wort nehme ich selten in den Mund, weil es wird meiner Meinung viel zu grosszügig verwendet und verspricht zu viel, was oft nicht geschieht - wahrhaftig Heilung herbeiführen. Ein grosses Wort. Weil es mich selber betrifft, benutze ich es. Es ist treffend.
Eines sei vorab gesagt: Es ging nicht ohne eine grosse Portion liebevoll mit mir sein. Wenn dies nicht sogar das Kernstück der Körper"Arbeit" ist. Denn Arbeit im Sinne, wie wir es kennen, soll es nicht sein. Nein, es funktioniert anders. Subtil. Nicht über den Kopf. Nicht im tiefen Graben von alten Wunden. Lies gerne weiter.
Im Forschen meinerseits ergab sich endlich eine Brücke zwischen Körper und Geist, welche logisch erklärbar ist. Das Unbewusste, vielleicht auch das Spirituelle - oder das, was wir dachten ist spirituell - erhält einen von Logik geprägte Erklärung. Die Brücke zwischen Körper und Geist ist das Nervensystem. Geprägt und programmiert. Allzeit wach lenkt es uns durch alles, was wir erleben.
Und immer wieder staune ich, wie sehr der Bereich der Körperarbeit - in so viele Schichten unseres Lebens hineinreicht. Eben weil der Körper ja eigentlich ein Teil davon ist. Ohne ihn geht es nicht. Oder eben wir fühlen uns nicht ganz. Das Nervensystem ist auch immer dabei, immer am Scannen, immer am Einstufen. Unbewusst und dennoch vollkommen klar, von dem ausgehend, was es erlebt hat.
Nicht nur in Stunden auf der Matte – es ist dabei in Beziehungen, in Entscheidungen, in unsere Art zu arbeiten, zu lieben, zu funktionieren, nicht zu ruhen. Das hat alles seine logischen Gründe.
Wir verstehen immer mehr darüber, wie uns unsere Vergangenheit prägt, wie Bindung funktioniert, wie unser Innenleben aufgebaut ist. Wir haben so viel Zugang zu diesem Wissen heute. Und das ist wertvoll.
Und doch erlebe ich – bei mir selbst und bei vielen Menschen – etwas anderes darunter:
Wir wissen so viel. Und fühlen uns trotzdem nicht erfüllt.
Ganz subtil entsteht daraus oft der nächste Optimierungsauftrag.
Ich darf noch bewusster sein.
Noch regulierter.
Noch geheilter.
Noch klarer.
Selbst Selbstfürsorge wird zur Disziplin. Selbst Achtsamkeit zum Projekt.
Neurowissenschaftlich ist das spannend: Wenn wir versuchen, uns über Denken, Analysieren und „Verstehen“ zu verändern, arbeiten wir primär mit dem präfrontalen Kortex – dem Teil unseres Gehirns, der plant, bewertet, reflektiert.
Veränderung geschieht jedoch tiefer. In den Bereichen, die mit Sicherheit, Bindung und Körperempfinden verknüpft sind. Unser autonomes Nervensystem reagiert nicht auf gute Argumente. Es reagiert auf Erfahrung.
Und genau hier unterscheidet sich Körperarbeit grundlegend.
Körperarbeit ist kein weiterer Ansatz, um besser zu werden.
Sie ist ein Raum, in dem wir aufhören dürfen, uns zu verbessern.
Wenn wir beginnen, Bewegungen zu spüren statt auszuführen, wenn wir Atem wahrnehmen statt kontrollieren, wenn wir Mikrobewegungen zulassen statt „richtig“ zu arbeiten, passiert etwas sehr Feines: Das Nervensystem bekommt die Erfahrung von Sicherheit ohne Leistung.
Von Kontakt ohne Druck.
Von Präsenz ohne Ziel.
Der Körper kennt keinen Hustle. Hustle ist ein mentales Konstrukt.
Der Körper kennt Rhythmus.
Pulsieren.
Anspannung und Entspannung.
Aktivierung und Ruhe.
Wenn wir lernen, wieder in diese Zyklen einzutauchen, verschiebt sich etwas. Nicht, weil wir uns optimiert haben. Sondern weil wir aufhören, gegen uns zu arbeiten.
Für mich ist Körperarbeit deshalb radikal sanft.
Sie lädt uns ein, weich zu werden an Stellen, an denen wir jahrelang gehalten haben und hart waren mit uns selber und mit dem Aussen.
Sie bringt uns zurück in ein Genährtsein, das nicht von Leistung abhängt.
Und vielleicht ist genau das das, wonach so viele von uns suchen – ohne es benennen zu können: Nicht die nächste Methode.
Sondern ein Erleben von innerer Sicherheit, das nicht verdient werden muss.
Mir geht das Herz auf, wenn ich das schreibe und wiederum lese. Geht es dir auch so?
Du bist willkommen in meinen Yogastunden - denn da beginnt Körperarbeit. In der Regelmässigkeit, subtil, fein, sanft, ohne dass du dich stundenlang noch mit einer Theorie auseinandersetzt. Es wirkt im Hintergrund.
Du bist willkommen in meinen "Somatischen Prozessbegleitungen" eine sanfte Begleitung mit Körperarbeit und Gespräch. Dort können wir tiefer gehen, stets in der Sanftheit. Nimm gerne Kontakt auf.
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Yoga, Trauma und Körperarbeit
Wie faszinierend es ist, dass wir Zugang haben zu Wissen, dass uns das Zusammenspiel von Körper und Geist nahbarer, greifbarer und erklärbarer macht. Dann geht es nur noch darum es fühlbar zu machen. Verkörpern. Für mich eröffnet sich uns mit diesem Wissen eine neue Welt.
Ein neues Verständnis wie dein Innenleben, dein Nervensystem geprägt ist. Und die unglaubliche Möglichkeit es über den Körper zu verändern. Es braucht jedoch Zeit, Muse und "es Bizeli" Disziplin. Es ist wie ein Muskel der trainiert werden will und nach und nach automatisierter funktioniert.
Ein kleiner Einblick.
Kontext
Wichtig zu verstehen ist, dass unser autonomes Nervensystem von klein auf „gefüttert“ wird. Es lernt, Situationen einzuschätzen und scannt dabei in Sekundenschnelle die Umgebung – immer und immer wieder, unterbewusst.
Es lernt.
Es lernt, wann Entspannung angesagt ist und wann Aktivität und Anspannung gefragt sind.
Es lernt, welche Situationen Anspannung auslösen und welche entspannen. Ständig darauf ausgelegt, dass wir überleben.
Zum Überleben muss auch der Teil im Nervensystem angesprochen werden, der für Entspannung zuständig ist. Sonst können wir weder gut verdauen noch schlafen und bleiben im Dauerstress, was langfristig krank machen kann. Unser System sucht sich deshalb immer Wege, wie wir wieder in Sicherheit kommen.
Ein Beispiel: Wir erhalten Liebe und Verbundenheit (vagales System), wenn ein Elternteil uns Aufmerksamkeit schenkt. Habe ich emotional unerreichbare Elternteile, lernt mein Nervensystem vielleicht: Ich muss viel tun und leisten, um Aufmerksamkeit und Verbindung zu bekommen, damit Entspannung überhaupt möglich wird.
Dies ist nur ein Mini-Anschnitt aus sehr komplexen Vorgängen, stark vereinfacht. Zur Veranschaulichung, dass wir im Körper und im Geist geprägt sind. Das Wissen über das Nervensystem (autonomes Nervensystem, Polyvagaltheorie usw.) hilft uns zu verstehen, warum wir in gewissen Situationen gestresst reagieren oder warum wir bestimmte Wege suchen, um Entspannung zu finden – auch wenn diese manchmal nicht gesund für uns sind, weil wir es nur so gelernt haben. Spannend, oder?
Yoga als erster Schritt zur Körperarbeit
Was hat nun Yoga damit zu tun? In den 1980er-Jahren begann man in den USA mit Studien in der Traumaforschung mit Kriegsveteranen aus dem Vietnamkrieg. Bessel van der Kolk beschrieb, dass Trauma nicht vollständig kognitiv verarbeitet wird. Seine These war: Der Körper speichert Trauma. Das zeigt sich zum Beispiel in Muskelverspannungen, Hypervigilanz (ständige Alarmbereitschaft) und Flashbacks – der Körper reagiert, bevor der Verstand einordnen kann, was gerade passiert. Er integrierte deshalb explizit Yoga und Körperarbeit in die Traumatherapie.
Aus den Studien von van der Kolk und der weiteren Traumaforschung können wir ableiten: Gefühle setzen sich im Körper fest. Nicht nur grosse Traumata, sondern auch kleine Mini-Traumata und alltägliche Erlebnisse. Das dehnt den Begriff „Trauma“, den wir oft nur mit extrem belastenden Ereignissen verbinden (Triggerwarnung, z. B. Gewalt).
Doch auch die „kleineren“ Traumata oder Erfahrungen, die unser Nervensystem prägen, sind für den Körper nicht weniger relevant. Emotionale Vernachlässigung oder psychische Gewalt trainieren unser Nervensystem und damit unseren Körper auf eine bestimmte Art und Weise.
Was macht Yoga mit dem Nervensystem?
Auch hier ist das autonome Nervensystem die ganze Zeit mit dir auf der Matte. Es nimmt alle Impulse auf, die wir durch Bewegung und Atem setzen.
Der Sympathikus aktiviert dich – du wirst wach, präsent, lebendig. Im Yoga lernen wir, in gesunde Aktivität zu gehen und dann auch wieder loszulassen. Der Körper lernt zu unterscheiden: Wann setze ich Reize zur Aktivität.
Mit Bewegung und bewusstem Atem holen wir den zweiten Teil des Nervensystems dazu: den Parasympathikus. Er bringt dich in Ruhe, Sicherheit und Vertrauen.
Diese beiden Systeme dürfen sich im Yoga begegnen, statt sich nur abzuwechseln. Das ist Regulation.
Im Sport läuft das anders: Adrenalin steigt, danach kommt die Ruhe. Die Systeme wechseln sich ab, aber nicht so fein abgestimmt, dass es eine gleich nachhaltige Wirkung auf das Nervensystem hat.
Für mich – mit einem lange aktivierten Nervensystem aufgrund eigener Traumaerfahrungen – ist Yoga der Ort, an dem mein Körper gelernt hat: Aktivität und Ruhe dürfen gleichzeitig existieren. Und ich bin immer noch dran. Es ist ein Prozess, dem Körper und Gehirn neue Sicherheit zu lehren. Das ist mehr als Sport. Es ist Training für dein Nervensystem und die Erinnerung daran, dass Entspannung nicht erst nach dem Tun kommt, sondern mitten im Tun entstehen darf. Gerade in unseren leistungsorientierten Strukturen.
Yoga kann ein erster Schritt sein, dich wieder mehr mit deinem Körper zu verbinden. Denn was bei Trauma oft passiert, ist die Abspaltung vom Körper: Leere, Gefühllosigkeit – weil es zu viel wäre, alles zu fühlen. Eine ganz normale Schutzfunktion. Indem wir den Körper wieder einladen – im Yoga oder in somatischer Prozessbegleitung – schaffen wir langsam einen Raum für Sicherheit. Verkörpert. Nicht nur gedacht.
Das Schöne daran? Der Körper lernt, ohne dass du alles verstehen oder tief in schmerzhafte Prozesse eintauchen musst. Weniger Retraumatisierung. Mehr Integration. Und plötzlich passieren Dinge von selbst.
Aber Achtung: Wenn unser System mehr Sicherheit kennt, werden auch Unsicherheit und unangenehme Gefühle spürbarer. Neue Grenzen dürfen entstehen. Es ist nicht nur Licht und Liebe. Aber sicher gesund. Und nachhaltig.
Ich freue mich, dich hier mehr und mehr mit diesen Facts zu versorgen. Gerne teile ich mein Wissen in meinen Yogastunden oder im 1:1 Setting der somatischen Prozessbegleitungen und zyklusbasierten Beratung in Bern oder online.
Nimm jederzeit gern Kontakt auf - ich bin sehr gerne persönlich da zum Austauschen oder auch für kostenlose Erstgespräche.
Von Herzen, Christina